„Mein Blick fällt auf das Plakat einer Hautcreme-Werbung. Ein Ex-James-Bond-Darsteller wirbt für junge Haut mit dem Slogan: «Alt werden – kein Problem. Nachlassen – kommt nicht in Frage.» Warum nicht, frage ich mich. Was ist so schrecklich daran, im Alter alt zu sein?“ Simon steht kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag, den er in Italien feiern will, als seine Mutter plötzlich stirbt. Er fühlte sich seiner Mutter zu Lebzeiten zwar nie wirklich nahe, aber dennoch bringt ihr Tod ihn zum Nachdenken. Als er erfährt dass die lebenslustige alte Tante seiner Gattin Charlotte, von ihrer Familie in einem Heim untergebracht wird, beschäftigt ihn das Schicksal dieser älteren Dame doch sehr. Ist das Sterben seiner Mutter vielleicht der Grund dieser alten liebenswerten Tante zu einem besseren Dasein in angenehmerer Umgebung zu verhelfen? Hat er Schuldgefühle? Hier noch ein paar Zeilen aus dem Buch:
„Charlie meint, es liegt an meiner verfluchten Angewohnheit, dass ich nichts sein lassen kann, sondern ständig alles reparieren muss. Charlie meint, während sie zuerst versuche zu verstehen, würde ich losrennen, zupacken und das Unglück in Angriff nehmen, als könne ich es dadurch ungeschehen machen. Wenn ich aktiv bin, sagt sie, glaube ich, die Dinge im Griff zu haben. Während ich in unserer winzigen Übergangswohnung pausenlos telefoniere, aufhole, was ich mir vorwerfe, in Schottland vernachlässigt zu haben, erhält Charlie selbst einen Anruf. Er hat nichts mit meiner Mutter zu tun. Und zugleich hat er alles mit ihr zu tun, zugleich ist er der Grund und die Ursache für diesen Bericht. Charlotte erfährt von ihrem Bruder, dass Tante Ilse aus ihrer Wohnung ausziehen und ins Altersheim musste. Da der Bruder in Lothringen lebt, fordert er Charlotte auf, Ilse, die eingefleischte Berlinerin, zu besuchen und nachzusehen, wie es ihr geht. Mit gesenkter Stimme erklärt Charlotte, es gebe momentan ernstere Dinge, der Name meiner Mutter fällt. Der Bruder lässt kondolieren.“ Ja, es stimmt: Schuldgefühle bedrücken Simon, also kümmert er sich ersatzweise erst einmal um Tante Ilse, die in der „Villa Waldeslust“ wohnt. Wie einfach und schnell es dazu kam, erschüttert ihn sehr: Erst konnte Ilse nur nicht mehr Auto fahren und somit nicht mehr selbst ihre Einkäufe erledigen, dann verlor sie manchmal ein wenig die Orientierung, und nun ist sie in dieser Einrichtung, wo ihr eigener Lebensrhythmus straff durchorganisierten Abläufen untergeordnet wird, die eigenen Möbel und somit das letzte bisschen „Zuhause“ keinen Platz haben, und die Menschen in erster Linie „verwaltet“ werden. Ilses Tochter lebt weit entfernt, ihre Enkelkinder haben keine Zeit; ihre Freundinnen können ohne Auto nicht zu Besuch kommen – und die quirlige Ilse wird plötzlich einsam. Simon macht sich mit seiner neuen Tante auf die Suche nach einer besseren Möglichkeit für das Leben im Alter. Was er dabei erlebt, zeigt, was uns alle irgendwann erwartet! Von dem Mehrgenerationenprojekt bis zum betreuten Wohnen und einer Art „Gnadenhof“ für Mensch und Tier lernt er alle modernen Lebensmodelle für das Alter kennen. Überall erwartet die Senioren gut gemeinte Unterhaltung, Sport, Spiel und Gemeinschaft – ob sie das wollen oder nicht! Simon fragt sich, ob das den Bedürfnissen der älteren Herrschaften wirklich entspricht und wo die vielversprochene Selbstbestimmung bleibt. Im Gegensatz zu der ernüchternden Altersversorgung von Tante Ilse steht Simons fröhliche, lärmende und bunte Geburtstagsfeier im sonnigen Italien. Ihn aber lassen die Gedanken an das Altern und Sterben auch im lebensfrohen Italien nicht los… Diese ernste und melancholische Geschichte zeigt drastisch auf, dass auch bei allem guten Willen Altern und Sterben tragisch sind und immer bleiben werden. Die einzelnen Schicksale berühren beim Lesen und bewegen zum Nachdenken. Aus eigenen Erfahrungen schildert der Autor das wahre Leben von tausenden von Alten in unserer westlichen Gesellschaft: Einsamkeit, Bevormundung und Fremdbestimmung, trostloses Dahinsiechen und Schmerzen bestimmen häufig deren Alltag. Tante Ilse zeigt an ihrem Beispiel das Schicksal vieler Anderer auf: krank, pflege- und hilfsbedürftig warten diese Menschen auf ihr Ende.
Ich habe beim Lesen dieses Buches viel nachgedacht und auch sehr viel Wahrheit gefunden. Tante Ilse zeigte mir die Welt der Alten sehr offen und bestätigte meine Meinung, dass ein „alter Baum“ nicht verpflanzt werden sollte. Auch wenn man die Augen gerne vor diesen Dingen verschließen möchte, sollte man dieses Buch unbedingt lesen – denn, ob wir wollen oder nicht: alt werden wir Alle einmal! Ulrike Then Das Buch …umfasst 192 Seiten …ist 2010 im dbt Verlag erschienen …kostet 16,95 € ...ist aber auch in der Gemeindebibliothek entleihbar |  |
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